Ölmühle am Schloss Brake

 

Der Verein Alt Lemgo und die historische Ölmühle am Schloss Brake

 

Schon seit vielen Jahren sieht es der Verein Alt Lemgo als eine besondere Aufgabe an, das technische Kulturdenkmal „Ölmühle“ vor dem Verfall zu retten.

Wir sind der Meinung, dass dies Mühlengebäude zum einmaligen Schlossensemble gehört. Das gilt auch besonders für die historische Holzkonstruktion des Mahlwerks im Inneren. Hier wird die raffinierte Kraftübertragung im Räderwerk für den gesamten Herstellungsprozess des Öls deutlich. Der Verein Alt Lemgo möchte dies der Nachwelt als Lehr- und Anschauungsobjekt erhalten.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde in diesem historischen Gebäude mit der hier zu sehenden Mühle Öl produziert. Bis zur endgültigen Stilllegung der Produktion im Jahre 1925 war die Pächterfamilie Vietmeier für den Betrieb verantwortlich.

Häufige Hochwasser und ständige Feuchtigkeit haben dem Gebäude, dem Mahlwerk und dem Inventar immer wieder schwer zugesetzt. Schon in den 70er Jahren und erneut zu Beginn dieses Jahrhunderts war eine gründliche Sanierung des Gebäudes und der technischen Einrichtung erforderlich. Zusammen mit der Stadt Lemgo und einer Reihe von Sponsoren ist es dem Verein gelungen, auch durch persönlichen Arbeitseinsatz vieler Mitglieder, diese Sanierung und die notwendigen Erhaltungsmaßnahmen durchzuführen.

Der Verein Alt Lemgo kümmert sich auch weiterhin um das Projekt „Ölmühle am Schloss Brake“.

Januar anno 2021

Liebe Leserin, lieber Leser,

dass ich das noch auf meine alten Tage erleben darf, ist eine Freude.

Entschuldigung, ich möchte mich kurz vorstellen:

Ölmühle vom Schloß Brake in Lemgo, mittlerweile 212 Jahre alt.

Also, Ich bekomme auf der homepage vom Verein Alt Lemgo eine eigene Rubrik, unter der ihr erfahren könnt, was ich in der Zeit so erlebt habe, über meine Geschichte, über die Geschichte der Müller, die mit mir gearbeitet haben, Technik und Funktionsweise und natürlich über die Menschen vom Verein Alt Lemgo, die sich meiner angenommen haben und mit viel Einsatz dafür gesorgt haben, dass mein Altersruhesitz hier sehr schön renoviert wurde.

Außerdem werde ich seit gut 2 Jahren von einem 4-köpfigem Ölmühlenteam betreut, die mich und meine Umgebung sauber halten, Führungen anbieten und dafür sorgen, dass es mir gut geht.

Ich sollte ja in diesem Jahr an mehreren Tagen der Öffentlichkeit vorgeführt werden, aber durch Corona sind die Vorführungen leider flach gefallen. Du kannst jedoch ab sofort an dieser Stelle Aktuelles erfahren, seien es Öffnungszeiten, Arbeiten an meiner Technik usw.

Da ich ja bei einem Alter von 212 Jahren einiges zu erzählen habe, werdet ihr in der nächsten Zeit, wenn ihr möchtet, öfter von mir lesen.

Ich habe eben vom Altersruhesitz gesprochen aber so ganz stimmt das nicht. Mein Antrieb, das Wasserrad, dreht sich nach wie vor und demonstriert die gewaltige Kraft des Wassers, die schon vor hunderten von Jahren die Menschen motivierte, Maschinen, wie ich eine bin, zu bauen.

 

 

 

Geschichte

1633 meine Vorgängerin wurde von einem Gottschalk Meisolle ( auch

Mesell genannt) als Pächter betrieben

1635 Übernahme durch E. Biermann und weiteren Pächtern

1667 Mühlenmeister Hermann Müller, in der Folge zahlreiche andere Pächter

1808 mein Geburtsjahr, aufgebaut wurde ich nach holländischer Art, d.h.,

dass Zerkleinern der Ölsaat geschah durch einen Mahlgang anstatt

durch Zerstampfen mittels Holzstempeln.

1842 Branntweinbrenner Pape wird als Ölmühlenpächter genannt

1846 Unterverpachtung an Simon Anton Vietmeier. Seitdem wurde ich

ausschließlich über 5 Generationen von Mitgliedern der Familie

Vietmeier bedient.

1900 Einstellung der Ölproduktion aufgrund von Unrentabilität, ein harter

Schlag für mich!

1917 Wiederaufnahme der Ölproduktion auf Grund der Ernährungskrise/

Ende des 1. Weltkrieges

1927 meine endgültige Stilllegung, ich wurde zum technischen

Kulturdenkmal . Die Ursache für mein Ende waren nicht technische

Mängel, sondern Unwirtschaftlichkeit.

1974

Der Verein „Alt Lemgo“ übernimmt meine Betreuung vom

Landesverband und mit tatkrätigem persönlichen Einsatz von

Mitgliedern des Vereins wird entrümpelt, es gibt ein neues Dach,

einen neuen Fußboden, Beleuchtung und neues Pflaster auf dem

Vorplatz. ( F2)

1981 Die gesamte Inneneinrichtung einschließlich Wasserrad und

Unterkonstruktion wird per Nießbrauchvertrag vom 19.06.1981 an die

Stadt Lemgo übertragen, die Betreuung des im Inneren der Ölmühle

befindlichen Mahlwerkes und Inventar an den Verein Alt Lemgo

1987 Reparatur des Wasserrades

2006 Mit Vertrag vom 21.12.2006 zwischen den Erben von Herrn Ernst

Vietmeier und dem Verein Alt Lemgo erfolgt die Übertragung des

Mahlwerkes und Inventar der Ölmühle an den Verein Alt Lemgo ( als

Schenkung.)

2014 Reparatur des äußeren Wellenlagers

2016 Eröffnung des Ausstellungsraumes (Museums) in der Ölmühle mit 4

funktionierenden, handgefertigten Mühlenmodellen aus Holz der

Müllerfamilie Vietmeier ( F3)

 

2019 Die äußere Holzkonstruktion unter dem Wellenlager des Mühlrades

wird repariert und ausgebessert.

 

 

Februar / März anno 2021

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

ich habe gerade ein paar harte Tage hinter mir. Hoch "Gisela" hat dafür gesorgt, dass mein Wasserrad stocksteif gefroren war. (siehe Fotos unter Ölmühle / Aktuelles)

Zum Glück blieb mir ein nachfolgendes Hochwasser erspart, welches in früheren Jahren nach der Schneeschmelze oft für Probleme sorgte.

 

Erzählen möchte ich heute über die Anfangszeit der Mühlen in Brake.

 

Als Mühlen wurden lange Zeit alle mit Hilfe der Wasserkraft angetriebenen mechanischen Werke bezeichnet. Nun brachte es die Schlossanlage des Braker Schlosses mit sich, dass sie vom Wasserlauf der Bega durch mehrere Flussarme geschützt war. Im 12. Jh. wurde bereits ein Umflutgraben, gespeist von der Bega, angelegt, der das Schloss zusätzlich sichern sollte. Auf dem Weg zurück zur Bega musste das Wasser ein Gefälle passieren, beste Voraussetzung, um Mühlen zu betreiben.

Zur Schlossanlage gehörten neben den Wehranlagen auch Wirtschaftsgebäude, Scheunen, Ställe und folgende Mühlen: Getreidemühle, Ölmühle, Sägemühle, Schrotmühle, Graupenmühle, Bokemühle und eine Bohrmühle.

Eine Getreidemühle wird schon im 17. Jh. durch urkundliche Belege nachgewiesen. Im Inventarverzeichnis von 1647 sind zwei Mahlgänge für Roggen und Weizen aufgeführt.

Die Ölmühle wird erstmals 1633 genannt, als sie von Gottschalk Meisolle gepachtet wurde. 1808 wurde die alte Ölmühle gegen die Heutige ersetzt.

Die Sägemühle, ebenfalls 1633 von Gottschalk Meisolle gepachtet, brannte um 1830 vollständig ab. 1831 entstand das heutige Mühlengebäude.

Schrotmühle - Graupenmühle - Bokemühle: Diese Mühlen befanden sich ebenfalls mit der Sägemühle im Mühlengebäude. Alle drei Mühlen wurden durch ein gemeinsames Wasserrad und Hauptwelle angetrieben. Bei nicht ausreichender Wasserkraft konnten die Graupen - oder Bokemühle durch einfache Hebel von der Antriebswelle getrennt werden.

Eine Bohrmühle, die sich ebenfalls im Gebäude der Sägemühle befand, wurde dazu genutzt, um aus Holzstämmen Holzrohre für die Wasserleitungen zum Schloss herzustellen. Erstmals erwähnt wurde die Bohrmühle um 1640. 1815 wurden bei der Errichtung der Nervenheilanstalt Lindenhaus zum letzten Mal in größerem Umfang hölzerne Wasserrohre hergestellt.

Von Betriebseinrichtungen der früheren Sägemühle und den weiteren in diesem Gebäude eingerichteten Mühlenwerken zeugen heute nur noch wenige Spuren am Gebäude. In der dem Wasser zugewandten Gebäudeseite erkennt man eine kreisrunde Öffnung im Mauerwerk, die Stelle, an der die Welle des Wasserrades der Sägemühle saß.

 

Die Situation der Mühlen am Braker Schloss war für ihre jeweiligen Betreiber nicht einfach. Die meiste Zeit mussten sich 2 Pächter über die Nutzung des Wassers einigen, das selten ausreichte, mehrere Mühlwerke gleichzeitig zu betreiben. Arbeitete die Kornmühle, reichte zumeist die Wasserkraft nicht mehr für die Antriebe der Öl - und Sägemühle. Diese konnten nur dann effektiv arbeiten, wenn der obere Mühlenteich ausreichend gefüllt war. In der Sägemühle konnten in Zeiten niedrigen Wassers bestenfalls der Antrieb der Säge genutzt werden, wohingegen die übrigen, alternativ von einem Wasserrad angetriebenen Mühlen nur dann arbeiten konnten, wenn der Sägebetrieb ruhte. - also vorwiegend nachts. Ein weiteres Problem brachte die Witterung mit sich. Bei starkem Regen, vor allem aber bei Hochwasser, tauchten die Schaufeln des Rades in das Unterwasser, bremsten und hielten es an. Bei strenger Kälte fror das Rad für Wochen ein; bei geringerem Frost musste der Müller morgens entscheiden, ob er das Eis vom Rad abklopfen sollte, oder ob der dabei am Rad enstehende Schaden größer sein würde als der Wert der gewonnenen Energie.

Das Lied "Bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach" hat durchaus seine Berechtigung. Die Müller waren bei ihrer Arbeit mehr vom Wasser als von der Tageszeit abhängig und haben bei kümmerlicher Beleuchtung manche Nacht in der Mühle verbracht, wenn gutes Wasser genutzt werden musste.

Es war also schon damals reger Betrieb rund um das Braker Schloss. Ende des 18. Jh. gab es dann einen für mich sehr wichtigen Pächterwechsel:

Christoph Bracht, der 1798 die Pacht meiner Vorgängerin übernahm, stellte damals Überlegungen an, wie die Mühlenanlagen besser und ertragreicher genutzt werden könnten. 1805 machte er der landesherrlichen Verwaltung zahlreiche Vorschläge zur Veränderung der Mühlenanlagen. Kernpunkt war dabei die Ölmühle, mit der er seinen Haupterwerb bestritt. Nach langen Diskussionen machte er der Landesregierung den Vorschlag, die alte Ölmühle neu zu bauen und dabei auch technische Verbesserungen vorzunehmen.

Das Ergebnis kann sich noch heute sehen lassen, 1808 wurde ich fertiggestellt. Meinem Ursprungsland nach wurde ich als "holländische Art" bezeichnet. In dem Schreiben der Landesregierung befindet sich auch die Bezeichnung "vlothoische Art", da ein Gutachten und Bauskizzen der Ölmühle des Kaufmanns Brand aus Vlotho vorlagen. Während bei den alten Ölmühlen das Zerkleinern der Ölsaat ähnlich wie bei einer Bokemühle mit Hilfe von 2 Holzstempeln, welche die Ölfrüchte zerstampften, erfolgte, geschah dies in den "holländischen" Ölmühlen mit Hilfe eines Mahlganges, dem Kollergang.

Auf Fragen hinsichtlich der Person Brachts, äußerte der Braker Amtmann Rodewald gegenüber der fürstlichen Rentkammer, dass Bracht anerkannt geschickt und einsichtig in mechanischen Arbeiten, zudem unermüdlich fleißig und betriebsam wäre.

 

Quellen:  Von Mühlen und Menschen, Regina Fritsch

                Lemgoer Hefte, Rund um die alte Ölmühle zu Brake

                Die Ölmühle, Verein Alt Lemgo

 

                                                                                                                                                        April anno 2021

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

nachdem ich meine Geschichte an Hand von wichtigen Begebenheiten umschrieben habe und die Mühlen rund ums Braker Schloss im letzten Bericht Thema waren, möchte ich heute über die Menschen erzählen, die mich bedienten und mit mir gearbeitet haben, die Müller.

Insbesondere die Familie Vietmeier, die von 1846 an über 5 Generationen bis zur Aufgabe des Betriebs 1966 als Müller mit den Braker Mühlen arbeitete, hat hier über 120 Jahre mit viel Engagement Geschichte geschrieben.

Der Personenname Müller geht auf den Beruf des Müllers (mittellateinisch: molinarius) zurück. Die Römer hatten die Mühlentechnik über die Alpen gebracht, wobei es sich zunächst um Handmühlen oder von Zugtieren angetriebene Mühlen handelte. Bereits seit dem 5. Bis 8. Jahrhundert verfügten Gutshöfe und Burgen auch über Wassermühlen. Die Wasserkraftnutzung durch Mühlen war ein entscheidender technischer Fortschritt des europäischen Mittelalters und führte seit dem 12. Jahrhundert zur deutlichen Zunahme der Berufsmüller.

Kennzeichnend für ihren Beruf war nicht die Herstellung eines Produktes in Handarbeit, sondern die fachgerechte Bedienung von Anlagen und „gehenden Werken“, die übrigens in Lippe bis weit in das 19. Jahrhundert hinein die einzigen größeren technischen Anlagen innerhalb des gesamten Gewerbes waren.

Im Unterschied zu anderen Handwerkern wie Schmied, Schuster oder Sattler waren die meisten der Müller aber nicht Eigentümer ihrer Werkstätten, sondern besaßen nur das Inventar, in einigen Fällen auch das Gebäude, sofern sie es selbst erbaut oder renoviert hatten. Das Grundstück und in vielen Fällen auch die Mühle selbst waren gepachtet und befanden sich im Obereigentum der Grundherrschaft oder des Landherrn. Als „unehrbaren“ Handwerkern war ihnen bis zum 18. Jahrhundert der Zugang zu den Zünften versperrt, und auch in der Bevölkerung war das Sozialprestige der Müller vielfach recht gering.

Das Gros aller Mahlmühlen in Lippe befand sich bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts im Besitz der Landesherrschaft, für die sie über viele Jahrhunderte hinweg eine der wichtigsten Einnahmequellen darstellten. Die Berechtigung zur Errichtung und zum Betrieb von Mühlen leitete sich aus den mittelalterlichen hoheitlichen Rechten und Pflichten ab: Als Eigentümer des gesamten Landes besaß der Landesherr auch das ausschließliche Nutzungsrecht an den Energiequellen des Landes. Er konnte diese Berechtigung an andere Personen abtreten (die dafür eine Gebühr zu bezahlen hatten) oder selbst Mühlen errichten lassen, und zwar überall dort, wo es ihm erforderlich und profitabel erschien; andererseits war deren Errichtung aber auch Teil der landesherrschaftlichen Fürsorgepflicht gegenüber den Untertanen, die ihrerseits Anspruch auf Zugang zu einer Mühle zur Vermahlung ihres Getreides hatten. Da die Bevölkerung auf diese Mühlen mehr als auf jeden anderen Handwerksbetrieb angewiesen war und mangels eigener Möglichkeiten und privater Konkurrenzbetriebe auch keine Alternativen hatte, zählten die herrschaftlichen Mühlen potentiell zu den rentabelsten und lukrativsten Betrieben des Landes. Das wussten auch die Pächter, und es hat deshalb nie an Pachtinteressenten gefehlt.

 

Die Mittel für den Bau und die relativ kostspielige Ausstattung der Mühlen waren anfangs noch von der Landesherrschaft aufgebracht worden. Da die Stauwerke und Mahlgänge jedoch häufig repariert oder ganz erneuert werden mussten, der Landesherr aber seinerseits ständig in Geldnöten steckte, wurden diese Unterhaltskosten ab dem 17. Jahrhundert zunehmend auf die Müller abgewälzt, denen dafür im Gegenzug gewisse Privilegien gewährt oder die Mühlen in Erbpacht gegeben wurden. Seither gab es also zwei Arten herrschaftlicher Mühlen: Erbpachtmühlen und Zeitpachtmühlen. Erstere hatten der Landesherrschaft einen jährlichen „Kanon“ zu entrichten, waren aber im Besitz der Müller, die sie an ihre Nachfahren weitervererben konnten. Zeitpachtmüller besaßen lediglich die „gehenden Werke“, d.h. die Mahl- und Beutelgänge samt Zubehör. Dieses Inventar wurde bei einem Pächterwechsel sorgfältig von einer Kommission in einem „Inventarium“ aufgenommen, wertmäßig geschätzt und dann von dem Vorpächter an den Nachfolger weiterverkauft. Genauso wurde verfahren, wenn ein Erbpachtmüller in Konkurs gegangen war oder keinen Nachfolger hatte und die Mühle verkauft werden sollte. Auch in diesem Fall hatte der Landesherr bei der Auswahl des neuen Müllers ein Mitspracherecht. Zeitpachtmühlen wurden in der Regel für drei bis zwölf Jahre an den meistbietenden Müller verpachtet.

Der Privatisierung der Mühlen stand in Lippe weniger der Kapitalmangel der Müller entgegen (von denen einige immerhin recht wohlhabend waren), sondern vor allem die gegebenen Wirtschaftsverhältnisse und die feudale Rechtsstruktur: bis zur Einführung der Gewebefreiheit im Jahre 1869 konnten die Müller nicht frei wirtschaften, sondern es lag bei der Obrigkeit zu entscheiden, wo Mühlen angelegt und welche Art von Mahlgängen dort eingerichtet werden sollten, wie groß die Kapazität der Mühle zu sein hatte und welches Einzugsgebiet die Mühle haben sollte. Außerdem waren die Müller ja nicht Eigentümer von Grund und Boden; aber selbst wenn sie ein eigenes Grundstück besaßen, hatten sie nicht ohne weiteres Zugang zu den Energiequellen, die für den Betrieb jeder größeren Mühle (von Ross- und Handmühlen einmal abgesehen) vorhanden sein mussten. Dafür standen, bevor es Dampfmaschinen und Motoren gab, nur Wasser und Wind zur Verfügung. Beides gehörte aber, nach der gegebenen Rechtsauffassung und gemäß aus dem Mittelalter überkommenden Hoheitsrechten, der Landesherrschaft. Die Wasserrechte zählten, wie das Münzrecht, das Markt- und Zollrecht, die Berg-, Jagd- und Fischereirechte, zu den landesherrlichen Regalien. Alle natürlichen Flussläufe und Teiche des Landes waren Eigentum des Landesherrn, dem auch das ausschließliche Nutzungsrecht zukam. Aus dem Wasserrecht leitete sich das sogenannte Mühlenregal ab: nur der Landesherr hatte das Recht zu entscheiden, ob und an welchen Stellen Mühlen angelegt werden konnten. Wo immer seit dem Mittelalter Mühlen entstanden waren, die nicht direkt von der Landesherrschaft in Auftrag gegeben oder in Betrieb genommen worden waren, bedurften sie zumindest einer Konzession – und die wurde nur dann erteilt, wenn durch den Neubau nicht landesherrschaftliche Interessen tangiert waren, d.h. wenn den herrschaftlichen Mühlen keine unerwünschte Konkurrenz durch private Mühlen erwuchs.

 

1860 soll es in Deutschland noch bis zu 65.000 Mühlen gegeben haben. Der Name Müller findet sich dementsprechend überall im deutschen Sprachraum und ist hier der häufigste Familienname. Allein in Deutschland gibt es dazu mehr als 320.000 Einträge im Telefonbuch. (Zahl von 1996). Nach Angaben von Jürgen Udolph, deutscher Onomastiker (Namenkundler) und ehemaliger Professor an der Uni Leipzig, tragen etwa 700.000 Deutsche den Namen Müller.

 

Liebe Leserin, lieber Leser, beim nächsten Mal möchte ich über die soziale Stellung der Müller und ihr Einkommen schreiben, bevor dann 120 Jahre Familie Vietmeier auf meinem Programm stehen.

 

Quellen:   entnommen aus Mühlenbetriebe – Zur Geschichte der Mühlen in Lippe, Verein Alt Lemgo

                 Wikipedia, Müller ( Familienname)

 

 

 

Mai anno 2021

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie versprochen erzähle ich heute über die soziale Stellung und Einkommen der Müller.

Die jahrhundertelange enge Bindung der Müller an den grundherrschaftlichen Besitz, die in Lippe auch noch nach Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1808 weiterbestand, war sicherlich mit ein Grund dafür, dass die Entwicklung in diesem Handwerk einen anderen Verlauf nahm als in den übrigen handwerklichen Sektoren. Auch als es den Müllern im 18. Jahrhundert möglich war, eigene Standesorganisationen zu gründen, behielten sie einen Sonderstatus. Im Gegensatz zu manch anderen Gebieten (wie z.B. in Sachsen) hat es in Lippe nie Müllerzünfte gegeben.

Daher war weder der Zugang zu diesem Handwerk kontrolliert noch gab es eine geregelte Ausbildung. Müller konnte im Prinzip jeder werden, der das erforderliche Kapital und die notwendigen Kenntnisse mitbrachte. Die Ausbildung dauerte etwa drei Jahre, der sich aber keine obligatorische Gesellen-Wanderzeit wie in anderen Handwerken anschloss. Einige Müllergesellen gingen aus eigener Initiative auf Wanderschaft, aber in Lippe scheint es keine Gesellen aus anderen Gebieten gegeben zu haben, da sie hier von keiner Zunft betreut und nicht von einem ordentlich eingeschriebenen Müller angeleitet wurden. Die Müller selbst waren an der Gründung einer eigenen Standesorganisation offenbar nicht sehr interessiert, denn es ist nichts von einem derartigen Begehren bekannt. Zünfte waren üblicherweise sehr elitäre Organisationen, welche die wirtschaftliche Handlungsfreiheit von Handwerkern erheblich einschränken konnten und von den Müllern möglicherweise als zusätzliche Belastung zu ihrer ohnehin schon bestehenden wirtschaftlichen Abhängigkeit von der Grundherrschaft empfunden worden wären. Im Falle der Mühlen entfiel eine ihrer Hauptfunktionen – die Kontrolle über die Zahl der zugelassenen Betriebe zur Einschränkung der Konkurrenz – ohnedies auf die Landesherrschaft. Ein weiterer Faktor, der die Sonderstellung der Müller innerhalb des dörflichen Lebens begründete, war der ihnen seit dem Mittelalter anhaftende Makel der „Unredlichkeit“, wie er bis in die jüngste Zeit hinein in vielen Liedern und Spottversen auf die Müller zum Ausdruck kam. Stets stand der Müller im Verdacht, zu viel zu „matten“, d.h. als Mahllohn für sich einzubehalten. Der Preis für Schroten und Mahlen wurde noch im 20. Jahrhundert und z.T. noch bis Anfang der 30er Jahre in Naturalien bezahlt, und zwar in Form eines Teils des Mahlgutes, das der Müller dann für sich einbehalten und weiterverkaufen konnte. Die noch bis 1872 gültigen Hohlmaße erlaubten keine exakten Gewichtsangaben, und so war nicht genau zu kontrollieren, wieviel tatsächlich gemattet worden war. Der Müller hatte Anspruch auf 1/16 bis 1/24 eines Scheffels. Dieser Anteil wurde mit der Matte abgeschöpft, einem kupfernen Gefäß, das von amtlicher Stelle geeicht und mit der lippischen Rose versehen sein musste. Schon Anfang des 18. Jahrhunderts versuchte die lippische Regierung, einheitliche Mahlgebühren einzuführen. Eine gestrichen volle Matte sollte demnach sein:

bei Roggen und Weizen  = 4 Pfund vom Scheffel

bei Branntweinschrot       = 3 Pfund vom Scheffel

bei normalem Schrot       = 2 Pfund vom Scheffel

bei Malz                           = 2 Pfund vom Scheffel

Zusätzlich wurden an verschiedenen Stellen in Lippe öffentliche Waagen und Waagemeister zum Ein- und Auswiegen von Getreide und Mehl eingestellt. Die lippischen Beamten waren angewiesen, ständige Kontrollen in den Mühlen durchzuführen, um zu verhindern, dass ungeeichte Matten benutzt wurden.

 

                                            

Einem Erlass aus dem Jahre 1859 zufolge waren schließlich Tabellen mit genauen Angaben „über den Abgang für Matten und Staub von Schrot und Mehl“ beigefügt. Diese Tabellen hatten die Müller in ihren Mühlen offen auszuhängen. Eine Kontrollmöglichkeit bestand für die Kunden jedoch nicht. Gleichzeitig wurde den Müllern und ihren Gesellen die Annahme von Trinkgeldern als Gegenleistung für die Bevorzugung einzelner Mahlgäste verboten. Sie hatten sich an die Regel „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ zu halten, damit kein Mahlgenosse unnötig lange warten musste, denn die meisten Kunden bestanden darauf, beim Mahlen ihres Getreides zugegen zu sein, oder hielten sich so lange in der „Mühlenstube“ auf, bis ihr Getreide fertig gemahlen oder geschrotet war. Ein direkter Umtausch von Getreide gegen bereits vorrätig lagerndes Schrot oder Mehl war in den alten Lohnmühlen nur in geringem Umfang möglich, weil das Mehl ohne die heute üblichen Konservierungsstoffe nicht lange gelagert werden konnte und der größte Teil der Kunden auf ihrem „eigenen“ Mehl bestand. Eine Vermahlung auf Vorrat lohnte sich für die Mühlen erst, als sie eine feste Zahl von regelmäßigen Abnehmern für dieses Umtauschgut gewinnen konnten.

Trotz aller Vorschriften und gewerblichen Kontrollen haben die Klagen über die Müller nie aufgehört. Man warf ihnen vor, das Gewicht des angelieferten Getreides zu gering angegeben zu haben, zu volle Matten abzumessen oder das Mehl mit Sand und Sägemehl zu „strecken“. Auf Misstrauen stieß auch der von den Müllern zwangsläufig berechnete Gewichtsverlust für getrocknetes Getreide, das nass angeliefert und in der Mühle getrocknet worden war. Da die kleineren Bauern weder eigene Windfegen zum Reinigen noch Waagen besaßen, hatten sie keine Kontrollmöglichkeiten, und deshalb wurde der Müller stets verdächtigt, auch hier zu viel zu seinen Gunsten zu Berechnen.

Auch die in den Mühlenstuben gepflegte Geselligkeit der Mahlgäste, die durch die einigen Müllern gewährten Branntwein- und Bierbraukonzessionen noch beträchtlich gefördert werden konnte, trug nicht gerade zum Ansehen dieses Berufsstandes bei. Weil viele Mühlen zudem etwas außerhalb der Ortschaften lagen, standen die Müller im wahrsten Sinne des Wortes immer ein wenig am Rande der Gesellschaft. Erst mit dem Wandel des Müllerstandes vom reinen Handwerkerberuf zum Unternehmer hat sich das Bild des Müllers in der Öffentlichkeit geändert. 

 

Quellen:  entnommen aus "Mühlenbetriebe - zur Geschichte der Mühlen in Lippe", Verein Alt Lemgo                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

                                                                                                                                                                                                                                                                    

 

 

August anno 2021

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

heute möchte ich erzählen über die Familie Vietmeier. 1846 bis 1966, 120 Jahre über 5 Generationen Müller am Schloss Brake, eine einmalige Geschichte!

Bei den Recherchen stieß ich auf eine Festschrift zur Jahrhundertfeier der Familie Vietmeier, geschrieben im März 1946 von Dr. Karl Vietmeier, Neffe des Fritz Vietmeier.

 

Die Geschichte der Braker Familie Vietmeier.

 

1: Ursprung und Werdegang bis 1846

 

Die Geschichte der lippischen Sippe Vietmeier lässt sich an Hand des Familiennamens bis ins Mittelalter einigermaßen zuverlässig verfolgen.

Die Entstehung des Namens ist eng mit der Christianisierung Lippes durch das Kloster Corvey bei Höxter verbunden. Dieses war kurz nach der Unterwerfung der Sachsen durch Karl den Großen als festes Missionszentrum 822 gegründet worden. Sein Schutzpatron, der zugleich auch der Schutzheilige des Sachsenstammes wurde, war St. Vitus, ein Märtyrer aus der Zeit der Christenverfolgung unter Diokletian (284-305). Begreiflicherweise wählten die von Corvey gegründeten Kirchen, wie auch die alte Detmolder Kirche, den heiligen Vitus zu ihrem Schutzpatron.

Wie der Adel, so besaßen auch die Klöster und Kirchen im Mittelalter ausgedehnten Grund und Boden, den sie durch Verwalter, die sogenannten Meier, bewirtschaften ließen. Diese Höfe und Güter hießen Meiereien. Zur Unterscheidung der einzelnen Meier erhielt der Zuname eine Vorsilbe, die entweder auf den Ursprung, die Abhängigkeit oder das Arbeitsverhältnis des Namensträgers hinwies (vergl. Kirchmeier). Wie der Kirchmeier der Verwalter oder Pächter des Gutes einer nicht näher bezeichneten Kirche ist, so ist so ist der Vietmeier der Meier der bestimmten Vituskirche. Die Bauernhöfe in Mosebeck und Heidenoldendorf, auf denen noch heute Vietmeier wohnen, und zu denen uns die ältesten Spuren des Namens führen, haben also ursprünglich der Vituskirche in Detmold angehört. Für diese wurden sie von dem Viet-Meier bewirtschaftet.

Waren also die Vietmeier ein uraltes lippisches Bauerngeschlecht, so nimmt es nicht Wunder, dass wir den Trägern dieses Namens auch in dem verwandten bäuerlichen Gewerbe der Müllerei begegnen. Schon im 17. Und 18. Jahrhundert treffen wir in den Mühlen von Iggenhausen, Büllinghausen, Leese, Lemgo, Steinbeck und Ballentrup immer wieder den Namen Vietmeier an.

Simon Konrad Ludwig, geb. am 23. 01.1784, wurde wie alle seine Vorfahren ebenfalls Müller und pachtete mit 25 Jahren 1809 die Meierjobstsche Mühle in Leese. Die glückliche Ehe mit der Lemgoer Bürgerstochter Sophie Katharine Mische war mit 11 Kindern gesegnet, von denen der älteste Sohn, Simon Anton, geb. am 13. 11. 1810, der Begründer des heutigen Braker Geschäftes wurde.

Eine Anekdote besagt: Als der kleine Simon Anton dreimal mit dem Taufwasser benetzt wird, lässt er es ruhig geschehen. Sein Pate Meierjobst bemerkt daraufhin: “Man suit doch, datt et oin Möller weern will. Heu stellt sick van Dage oll goet mett den Water.“ ( Man sieht doch, dass es ein Müller werden will. Er steht sich heute sehr gut mit dem Wasser.)

Er verheiratete sich am 15.09.1844 mit Luise Christine Diedrich. Sein Vorhaben, sich selbständig zu machen, gelang ihm im Jahre 1846.

 

 

 

Simon Anton Vietmeier

geb. 14.11.1810 - gest. 09.03.1895

Ernst Vietmeier

geb. 26.09.1847 - gest. 18.09.1908

Sophie Vietmeier

geb. 22.11.1860 - gest. 04.02.1936

 

2. Entwicklung von 1846 – 1946

Am 9. Mai 1846 verpachtet ihm der damalige Pächter der Braker Schlossmühlen (außer der Mehlmühle), Oberkontrolleur Pape aus Lemgo, die Säge-, Bocke- und Graupenmühle in so genannter  „ Afterpacht“ weiter. Die Oelmühle als ertragreichste Einnahmequelle behält er zunächst noch selbst. Der niedrige Pachtpreis von 180 Rthl. deutet darauf hin, dass in den damaligen Notjahren der Verdienst im Allgemeinen nicht sehr hoch gewesen sein kann.

Als 1848 die Pachtperiode Papes abgelaufen war, übernimmt Simon Anton Vietmeier als selbständiger Pächter den gesamten Mühlenbetrieb auf 3 Jahre, vom 9.5.1848 bis 1851, für 330 Rthl.

Nachdem noch im August 1848 das Inventarium der neu hinzugekommenen Ölmühle tariert wurde, war Simon Anton Vietmeier endgültig der alleinige Pächter. Während seiner nun beginnenden 45 jährigen Tätigkeit in der Braker Mühle, die an Erfolgen reich war, aber auch nicht von Rückschlägen verschont blieb, versah er seine Müllerpflichten stets in dem Geiste, den die Fürstin Pauline 1807 in einem Schreiben an den damaligen Pächter Bracht zum Ausdruck gebracht hatte: „ Er ( der Müller ) muss niemand über den hergebrachten Preis übernehmen, sondern einen jeden ordentlich behandeln, den zuerst kommenden zuerst abfertigen, und gewissenhaft dahin sehen, dass ein jeder das seinige richtig und gut wieder erhält.“ Hier ist wohl auch die Redewendung entstanden: „ Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“.

Bis in sein hohes Alter hinein war Simon Anton Vietmeier rüstig, voller Arbeitseifer und Unternehmungsgeist. Mit 81 Jahren erst trat er die Mühle an seinen ältesten Sohn Ernst ab. Vier Jahre konnte Simon Vietmeier sich noch an dem Geschäft seines Sohnes mit seinem Rat und seiner Erfahrung beteiligen. So verlebte er einen glücklichen Lebensabend. Seine Frau war bereits 1878 gestorben. Sie war ihm all die Jahre hindurch eine treue Lebensgefährtin und kluge Beraterin gewesen, von ihren Kindern geliebt und von den Nachbarn wegen ihrer Güte verehrt.

Als Simon Anton Viertmeier am 9.3.1895 seine Augen für immer schloss, war durch seinen Sohn Ernst, der einzig noch Lebende von fünf Söhnen, die Nachfolge in der Pächterreihe in der Braker Sägemühle gesichert. Er hatte eine Lehre beim Mühlenbauer Falke in Brake abgeschlossen, da sein großes Interesse den technischen Aspekten des Müllerberufes galt. Auf seine Initiative sind zahlreiche Veränderungen und Modernisierungen in der Sägemühle zurückzuführen. Dass Ernst Vietmeier sich eines guten Rufes erfreute und das Vertrauen seiner Mitbürger und der Behörden besaß, zeigt seine Auslosung zum Geschworenen am Schwurgericht. Außerdem war er Vorsitzender der Steuereinschätzungskommission, ein Amt, das nicht beneidenswert war, dafür aber viel Vertrauen und Rechtsempfinden voraussetzte.

Nicht nur die Mühlenbetriebe, von denen allerdings während seiner Pachtzeit die Bocke – und Graupenmühle aus wirtschaftlichen Gründen ihre Arbeit einstellten, nahmen seine Arbeitskraft in Anspruch, sondern auch der von ihm gepflegte Holzhandel. Ernst Vietmeier war ein erfahrener und gesuchter Holzfachmann, der vor allem die Pappeln beschaffte, die für den Wagenbau in Lemgo benötigt wurden. Dort blühte zur damaligen Zeit dieses Gewerbe unter den verschiedenen Firmen Scheidt, Halle, Veigel, Pohl u.a., die alle mit der Sägemühle in enger Geschäftsverbindung standen. Zu den ständigen Kunden gehörten außerdem die Zimmermeister Schirneker, Brenner, Bödeker, Heitmeier und der Holzhändler Wolf.

Der Besonderheit wegen muss hier auch ein Kunde aus einem ganz anderen Gewerbe erwähnt werden: die Firma F.W. Wippermann, die alljährlich ihre Wacholderbeeren in der Ölmühle zermahlen ließ. Der Mahllohn bestand immer in Naturalien, d.h. in diesem Falle in Erzeugnissen dieser Firma.

 

Kurz nach der Silberhochzeit, die am 6.5.1908 stattfand, zeigten sich bei Ernst Vietmeier ernste Krankheitserscheinungen. In Bad Neuenahr, wo er Heilung suchte, verstarb er am 18.9.1908 plötzlich und unerwartet.

In der Zeit von 1908 – 1916 stand Frau Sophie Vietmeier als Pächterin dem Betrieb vor. Sie wurde in ihrer besonders während der Kriegsjahre nicht leichten Tätigkeit von ihrem ältesten Sohn Fritz, der ihr Nachfolger wurde, tatkräftig unterstützt. Als Fritz Vietmeier 1916 die Mühle übernahm, hatte er zu Beginn seiner Pächterzeit die nicht leichte Aufgabe zu meistern, den Betrieb durch die letzten Jahre des Krieges und die wirtschaftlich noch schlimmeren Nachkriegszeiten hindurchzuführen. Unermüdlich um das Wohl der Familie und des Geschäfts besorgt, steht ihm als treue Helferin seine Ehefrau Minna, eine Tochter des Ziegelmeisters Witte aus Breitenheide bei Lage, zur Seite. 1918 wurde ihr Sohn Ernst geboren.

Als die Ölmühle infolge des zu geringen Ölfruchtanbaues 1925 für immer stillgelegt wurde, konnte der Geschäftsinhaber seine ganze Arbeitskraft für die Sägemühle und den Holzhandel einsetzen. Um konkurrenzfähig gegenüber den zahlreichen neuen Sägewerken zu bleiben, nahm Fritz Vietmeier ein zweites Sägegatter in Betrieb. Zum Antrieb wurde eine 80 PS-starke Lokomobile der Fa. Lanz aus Mannheim angeschafft. Vom Holzlagerplatz wurden die Holzblöcke auf einem 45 Meter langen Schienenstrang zum Sägegatter transportiert.

In den späten zwanziger Jahren ging es, bedingt durch die allgemeine schlechte Wirtschaftslage, auch dem Vietmeierschen Sägewerk schlecht. Waren es um 1920 noch bis zu 16 Arbeiter, so sank die Zahl ab 1926 auf meist sechs, mitunter waren es auch nur 2 oder 3 Arbeiter, und es kam immer öfter vor, dass über Wochen und Monate der ganze Betrieb allein von Fritz Vietmeier und, nach Schulabschluss, von seinem ältesten Sohn Ernst aufrechterhalten wurde. Zur Sanierung des Betriebes und auf Bitten des Inhabers einer großen Möbelfabrik wurde 1937 dessen Sohn Georg Sonntag als Mitinhaber des Betriebes eingesetzt. Er übernahm den Holzhandel, wobei ihm die Geschäftsverbindungen seines Vaters zu gute kamen. Ende der dreißiger Jahre besserte sich die Auftragslage und es waren vor allem Bestellungen, die im Zusammenhang mit der Aufrüstung zum 2. Weltkrieg standen, wie Munitionskästen, Soldatenspinde u.ä. . 1937 begann Ernst eine kaufmännische Lehre in einem Saatgut- und Futtermittelhandel in Horn. Auf Wunsch seiner Eltern sollte er fundierte Kenntnisse für die zukünftige Leitung des Sägewerksbetriebes erwerben. 1938 arbeitete seine Schwester Irmgard für einige Monate im Büro des Sägewerks. In dieser Zeit absolvierte Ernst seine Militärausbildung in Ostpreußen und musste im Anschluss sofort in den Kriegseinsatz. Nach dem Krieg führte er zusammen mit seiner Frau und seinem Vater den Sägewerksbetrieb weiter. Den Holzhandel betrieb nach wie vor Georg Sonntag. Dem außerordentlich harten Winter 1945/46 folgte ein ungewöhnlich starkes Hochwasser, das für den Sägewerksbetrieb katastrophale Folgen haben sollte.

Über die Zeit der Fam. Vietmeier nach 1946 möchte ich das nächste Mal berichten.

 

Quellen: 100 Jahre Vietmeier in der Sägemühle zu Brake 1846 – 1946, Dr. Karl Vietmeier

                 Von Mühlen und Menschen, Regina Fritsch

 

Fitz Vietmeier

geb. 10.03.1884 - gest.1945

Ernst Vietmeier und Frau Irma Vietmeier

Eine riesen Eiche vor der Bearbeitung 1936